30.06.2017 / Artikel / Bildung und Forschung / Erasmus, Universität, Bundesrat, Forschung, Fachhochschulen, Hochschulen

«Mit dem Austritt aus Erasmus riskiert die Schweiz ein Eigentor»

Ausschluss der Schweiz aus dem Programm: Diese Vergeltungsmassnahme der Europäischen Union im Nachgang zur Annahme der Masseneinwanderungsinitiative führte zu einem Aufschrei im Land, insbesondere an den Hochschulen. Nachdem sich die Beziehungen zur EU nach drei Jahren wieder normalisierten, ist es nun Bundesbern, das beschliesst, seine Teilnahme am Programm in den Jahren 2018–2020 zu suspendieren. Überrascht durch diesen Entscheid verlangt Ständerat Beat Vonlanthen (FR) eine Erklärung. Er wird beim Bundesrat eine Interpellation einreichen.

Bedauern Sie den Entscheid, die Teilnahme an Erasmus zu suspendieren?

Ja, sehr. Dieser Entscheid widerspricht der Politik, die der Bundesrat bis heute verfochten hat. Die Regierung hat immer betont, der Frage des internationalen Austauschs und der Mobilität von jungen Menschen in Ausbildung Priorität zu verleihen. In diesem Sinne ist dieser Entscheid unverständlich. Er wird den Hochschulen und ihren Studierenden Probleme bereiten.

Ist der Bundesrat in Bezug auf dieses Dossier unglaubwürdig geworden?

Das sehe ich so, ja. Der Bundesrat hat schon sehr früh betont, dass für die nach der Abstimmung vom 9. Februar 2016 eingefrorenen Forschungs- und Ausbildungsprogramme unbedingt eine Lösung gefunden werden müsse. Ich stelle fest, dass er sich immer für Horizon 2020 eingesetzt hat, dabei aber die Vollbeteiligung an Erasmus Plus beiseite gelassen hat. Heute sagt nun der Bundesrat, zum Handeln sei es zu spät. Es ist aber noch viel beunruhigender, dass er auch eine Reintegration im Jahr 2021 im Unklaren lässt. Dieser Mangel an entschlossenem Vorgehen stört mich.

Teilen die Hochschulen Ihr Unbehagen?

Die Rektorenkonferenz der Schweizerischen Universitäten hat ihrer Unzufriedenheit sehr klar Ausdruck gegeben. Die JCVP hat eine Petition lanciert, was ein deutliches Zeichen dafür ist, dass sie mit diesem Entscheid ebenfalls nicht einverstanden sind. Alle fordern eine möglichst rasche vollwertige Teilnahme.

Muss die Schweiz das Programm 2021 wieder aufnehmen?

Das ist unumgänglich, und ich werde Johann Schneider-Ammann, der für dieses Dossier verantwortlich ist, dies auch sagen. Ausserdem gehe ich davon aus, dass die zuständige Parlamentskommission den Bundesrat in diesem Sinne beauftragen wird. Es geht darum, voranzugehen und diese Zusammenarbeit für 2021 vorzubereiten. Dabei dürfen die finanziellen Fragen nicht im Zentrum der Diskussion stehen. Wenn man der Ausbildung und dem internationalen Austausch der Studierenden Priorität einräumen will, muss man auch den Mut haben, die erforderlichen Mittel bereitzustellen.