20.11.2012 / Artikel / Umwelt und Energie / Atomkraft, Energiepolitik

Viel unnötiges Gerede um die Energiewende

Mitte Dezember wird die Gemeindeversammlung meiner Gemeinde – sofern sie mir und dem Gemeinderat denn folgt – einen Kredit sprechen für die Errichtung einer Solaranlage auf dem Dach des Feuerwehrmagazins. Das ist nicht wirklich eine nationale Schlagzeile wert, zumal es ja nicht verwundert, wenn im sonnenverwöhnten Solothurner Jura auf Solarenergie gesetzt wird. Und doch könnte man beim Zuhören der Diskussionen unter der Bundeshauskuppel meinen, solche Projekte seien aus ferner Zukunft.

In Bern läuft die Diskussion nämlich anders. Seit Doris Leuthard die bundesrätliche Energiestrategie 2050 den Medien präsentiert hat, wird vor allem über Zahlen gestritten. Man streitet darüber, ob für «die Energiewende» nun Gaskombikraftwerke erstellt werden müssen, um genügend Regel- und Ausgleichsenergie über das Jahr 2020 hinaus zu haben. Es wird darüber gestritten, ob die Schweizerinnen und Schweizer mit der Energiewende im Jahr 2050 einen Wohlfahrtsgewinn von 0.1 Prozent haben oder einen etwa gleich hohen Verlust. Es wird darüber gestritten, ob die Gestehungskosten für Photovoltaik im Jahr 2019 oder im Jahr 2025 die Netzparität erreicht haben.

Welche Ziele haben wir bei der Energieversorgung?

Hätte irgendein denkbares Resultat bei irgendeiner dieser Fragen zur Folge, dass man von der Strategie des Atomausstiegs abweicht? Definitiv: Nein. Das Wort sagt es ja schon: Es handelt sich um eine Strategie. Die Strategie kann nicht zur Folge haben, dass man anno 2012 in Stein meisselt, wie denn dreissig Jahre später auf die Kilowattstunde genau welche Energie geliefert wird. Es geht aber darum zu definieren, auf welches Ziel hin man bei der Energieversorgung arbeiten möchte. Und das Ziel ist einfacher als die Zahlen, in die man sich nun verrennt: Es ist das Ziel, die Schweiz nach Ablauf der technischen Laufzeit unserer Kernkraftwerke versorgungssicher mit sauberer, bezahlbarer und einheimischer Energie zu versorgen. Dieses Ziel gilt es dann – eben im Sinne einer kontinuierlichen Strategie – zu beobachten und die Massnahmen gegebenenfalls zu korrigieren.

Priorität hat unser Stromnetz, das veraltet ist 

So gesehen hat die vom Stapel gebrochene Diskussion über die Feinjustierung der Energiestrategie im Moment eigentlich gar nicht Priorität im politischen Tagesgeschäft. Wir sind gut beraten, uns von dieser Diskussion zu lösen und die echten Prioritäten zu setzen. Priorität hat unser Stromnetz, das auf praktisch allen Ebenen veraltet ist und der zukünftigen, dezentralen Versorgung nicht gerecht wird. Hier sind schnellere (Sonder-)Verfahren und massive Investitionen nötig – mit oder ohne Energiewende. Priorität hat ein Stromabkommen mit der EU, welches den Im- und Export des Stroms in den nächsten Jahrzehnten regelt – denn beides wird es mit und ohne Energiewende geben. Und Priorität hat vor allem eines: Dass wir die Projekte, die den Grundstock für die Energiewende liefern, jetzt anstossen – unabhängig davon, in welchem Zeitraum wir die Energiewende dann schaffen werden. In diesem Sinne ist es halt eben doch das Dach des Feuerwehrmagazins von Herbetswil, welches die nationale Schlagzeile verdient hat. Projekte wie dieses sind in ihrer Summe die Energiewende, um die gestritten wird. Die Energiewende läuft schon längst! Es ist genug der Zahlen, es ist Zeit für Taten.