17.05.2018 Artikel Aussenpolitik inpuncto, Kriegsgebieten

In puncto…Dreissigjähriger Krieg

Vor 400 Jahren begann mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 die europäische Katastrophe des Dreissigjährigen Krieges. Vor 370 Jahren wurden ab dem 15. Mai die ersten Verträge vereinbart, die am 23. Oktober 1648 endlich zum Westfälischen Frieden führten. Die Erinnerung daran kann uns helfen, gegenwärtige Konflikte besser zu verstehen – und vielleicht auch zu lösen.

Der Dreissigjährige Krieg war eine Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in Europa, zwischen den Grossmächten Habsburg, Frankreich, Schweden, und gleichzeitig ein religiös motivierter Konflikt zwischen der katholischen Liga und der protestantischen Union. Das Schlachtfeld der Auseinandersetzung war das Heilige Römische Reich, grösstenteils das Gebiet, das das heutige Deutschland umfasst. In der kollektiven Erinnerung Deutschlands ist das Trauma der Schrecken des Kriegs, der Seuchen, der Verwüstung ganzer Landstriche und der Kriegsverbrechen noch heute präsent.

Das erlebte ich anekdotisch kürzlich selbst. Ich kam anlässlich einer Tagung in Elmau mit einem Bundespolitiker aus Bayern ins Gespräch. Wir diskutierten darüber, warum Deutschlands Politik heute ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit, auch materieller Absicherung möglichst vieler Menschen durch den Staat kennzeichne, und warum freiheitliche Lösungen es eher schwer hätten, mehrheitsfähig zu sein. Seine Antwort begann mit dem Dreissigjährigen Krieg. In seiner Familiengeschichte sind die damaligen Erlebnisse  noch präsent. Er stammt aus einer Region, die damals besonders den Verheerungen ausgesetzt war. Wer erklären will, warum in der Schweiz der Freiheit mehr zugetraut wird als in Deutschland, findet einen Grund auch darin, dass die Schweiz von diesem und anderen Kriegen verschont wurde. Neben der kollektiven Erinnerung ist die historische Auseinandersetzung mit dieser euopäischen Katastrophe auch geeignet, heutige Konflikte,  ihre Ursachen und ihren Verlauf zu verstehen – und vielleicht sogar zu lernen, wie sie zu beenden wären.

Der Politologe Herrfried Münkler hat ein monumentales Werk über den Dreissigjährigen Krieg veröffentlicht [1]. Im Schlusskapitel seines äusserst lesenswerten Buchs zieht er Analogien zur Gegenwart, die bemerkenswert sind. Wenn wir die Konflikte im Nahen Osten betrachten, ist Syrien das Schlachtfeld der Grossmächte, wo hegemoniale Ansprüche kriegerisch durchgesetzt werden. Die Zivilbevölkerung ist schutzlos herumziehenden „Armeen“, Warlords und Verbrechern ausgeliefert. Söldner kämpfen für diejenigen, die sie bezahlen, nicht für die Verteidigung oder den Schutz einer Nation. Und wie damals sind heute die Grossmächte nicht in der Lage und nicht willens, den Konflikt zu beenden. Russland, die USA, die EU, die Türkei, der Iran: Sie haben wie damals Habsburg, Spanien, Schweden und Frankreich alle Optionen in der Hand, die sie in ihrem strategischen Interesse in Syrien nutzen. Von der direkten Intervention, über die Finanzierung von Konfliktparteien, von der Entfachung neuer Konflikte bis zur Einstellung von Kampfhandlungen, wenn es opportun scheint. Der Islamische Staat mit seinem Kalifat ist vergleichbar mit den vagabundierenden Heeren vor 400 Jahren.

Der Westfälische Frieden schuf die Grundlage für eine neue Ordnung Europas, die mehr oder weniger bis zu den Weltkriegen hielt. Er kam zustande, weil der Krieg alle erschöpft hatte, weil es keine „Sieger“ gab, weil man endlich bereit war, alle Parteien gleichberechtigt an den Verhandlungstisch zuzulassen. Es waren unzählige Hindernisse zu überwinden, um endlich alle Ansprüche einigermassen zu erfüllen. Die Friedensarbeit erforderte hohe diplomatische und politische Kunst und Zähigkeit.

Wenn wir heute nach Syrien, in die Sahelzone, den Jemen, den Irak, nach Afghanistan blicken, dann sind die Analogien zum Dreissigjährigen Krieg frappant. Leider wird auch klar, dass es den Grossmächten der Gegenwart auch am Willen fehlt, ihre Konflikte so zu beenden, wie es vor vierhundert Jahren in Münster der Fall war.

[1] Herfried Münkler: Der Dreissigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma. Berlin 2017.