10.01.2018 / Artikel / Staatspolitik und Recht / Glaube, Kirche, Säkularisierung, Freiwilligenarbeit, Gesellschaft, Gesellschaftspolitik

Ein Plädoyer für die Kirche im Dorf

Nachdem er seit dem Erwachsenenalter „draussen“ war, wie er sich ausdrückte, hat der 83-jährige Schriftsteller Adolf Muschg im März letzten Jahres, indem er sich ihrer „christlich-reformatorischen Werte“ besann, in den Schoss der Kirche zurückgefunden. Der Empfang hätte herzlicher nicht sein können. Der verlorene Sohn zog – mach hoch das Tor, die Tür mach weit – ins Grossmünster ein, wo er der Zürcher Christenheit eine Predigt hielt.

Es handelte sich bei seinen Zuhörern wohl um treue Kirchenmitglieder, die in den langen Jahren, in welchen Muschg die Gottesdienste schwänzte, mit ihren Steuergeldern zu den ständigen Unterhaltsarbeiten des beeindruckenden Sakralraumes beigetragen hatten. Also sozusagen den Mörtel der Kanzel finanzierten, auf welcher der Geläuterte sie eben absturzfrei über den guten Hirten belehrte. In nachfolgenden Interviews monierte der Schriftsteller dann den permanenten Auftrag der Religion. Dieser erschöpfe sich nicht in der Seelsorge oder der Krankenfürsorge. Die Kirche müsse vielmehr in alle unbesetzten Stellen unserer Gesellschaft stossen und habe mehr zu tun als je. Wir würden in einem unglaublichen religiösen Vakuum leben.

In der Tat, die Kirchen haben zu tun. Und deshalb sei einmal gedankt all jenen in den kirchlichen Institutionen, welche diese unschätzbare Arbeit für ihre Mitmenschen leisten. Die Kirchenfeste gestalten, Gottesdienste, Messen, Taufen, Hochzeiten, Trauerfeiern. Die Seniorenanlässe organisieren, Jugendlager, kulturelle Veranstaltungen. Die Einsame, Bedrückte und Kranke trösten. Die sich in der Flüchtlingsbetreuung stark machen. Die den Zugang zur Spiritualität eröffnen. Die Werte des guten Zusammenlebens und Miteinanders bewahren und lehren. Die einen Hort der Besinnung bieten. Die Gutes tun!

Gedankt sei ihnen aber auch für ihren Mut und das Rückgrat den Geistern der Zeit öfters zu widerstehen. Denn diese sind mächtige, verführerische, aber toxische Begleiter der Geschichte. Ich vergleiche die Kirche mit einem Schiff, das seit 2000 Jahren die Zeiten durchpflügt. An Bord das unverfälschte christliche Gedankengut. So wertvoll wie leicht verderblich. Jede Epoche muss sich messen daran, wie sie damit umging. Im Schlechten, wenn christliche Tugenden wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit in der Hölle der Inquisition oder der Invasion neu entdeckter Kontinente pervertiert wurden. Im Guten, wie das Christentum unsere Kultur und unser Sein auch geprägt hat. Die Architektur, die Malerei, die Musik, die Literatur, die Formen des Zusammenlebens, die Aufklärung, die Bildung und nicht zuletzt das Landschaftsbild und die Raumplanung. So steht hierzulande unübersehbar eine Kirche im Dorf und die Zivilgemeinschaft bemüht sich, dass sie im Dorfe bleibt. Dass sie weniger leer sei, bleibt anderseits frommer Wunsch.

Denn Individualisierung und Säkularisierung der Gesellschaft führen zum erwähnten „unglaublichen religiösen Vakuum“. Es lässt sich unter anderem festmachen in der Verunsicherung gegenüber einer machtvollen Glaubensbewegung, mit welcher der Westen sich momentan konfrontiert sieht. Eine zunehmend areligiöse Gesellschaft legt sich in den Staub vor religiösen Strömungen, die dem Mittelalter entstammen, vermengt in ihrem Verständnis Religion mit Fundamentalismus und Barbarei, und übt sich in Toleranz angesichts von Intoleranz. Gewohnt als Mehrheit gegenüber der Minderheit im moralischen Rückstand zu sein, löst schon das Wort Christenverfolgung Unbehagen aus. Dies obwohl mit hundert Millionen Menschen weltweit die Christen die grösste Gruppierung bilden, welche aus religiösen Gründen zur Flucht getrieben wird. Im säkularen Westen ist ein verkrampftes Verhältnis zu Religion und Religiosität entstanden. Am meisten zur eigenen.

Ich wünsche uns allen mehr Selbstbewusstsein für die Werte einer aufgeklärten Gesellschaft und mehr Bewusstsein für echte Toleranz, wie es die Kirchen heutzutage vermitteln. Den Kirchen wünsche ich in Anerkennung ihrer Arbeit, auch als treusorgliche Archivare unserer christlich-jüdisch geprägten Kultur, dass die Menschen wieder vermehrt zu ihnen finden. Vorzugsweise auch etwas früher als Adolf Muschg.

Dieser Artikel erschien zuerst in der NZZ vom 10. Januar 2018.