16.11.2017 / Artikel / Staatspolitik und Recht / in puncto

in puncto…Personenschutz

Letzten Sonntag traf ich in einem Restaurant im Bahnhof Zürich die Menschenrechtlerin. Seyran Ates. Sie lebt in Deutschland. Sie tritt für einen liberalen Islam ein. 1984 überlebt sie ein Attentat. Neben ihr sassen zwei Personenschützer. Sie braucht seit Jahren Leibwächter. Auch in der Schweiz.

Für mich war diese Begegnung eine sehr ungewohnte Situation. In unserem Land sind wir immer noch stolz darauf, zu Recht, dass bei uns öffentliche Personen sich in aller Regel noch einigermassen frei bewegen können. Das Bild des Bundespräsidenten Burkhalter, der am Perron auf den Zug von Neuchâtel nach Bern wartet, wie jeder andere Pendler, ging 2014 um die Welt.

Frau Ates nahm in dieser Woche an einem Podium in Basel teil. Selbstverständlich mit ihrem Personenschutz. Es gab aber noch spezifische Drohungen gegen die Durchführung der Diskussionsrunde, sodass zusätzliches Sicherheitspersonal nötig war, die Besucher kontrolliert wurden. Auch die Polizei soll präsent gewesen sein. (Aargauer Zeitung 15.11.17). In Basel. Nicht in Paris oder London.

Am gleichen Sonntag Nachmittag las ich die Meldung, dass der Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids), Montassar BenMrad, Schweizer Politiker kritisierte, die die Islamfrage aus rein politischen Gründen „bewirtschaften“ würden.

Derselbe Ben Mrad nahm im Frühling dieses Jahres an einem Treffen in Istanbul mit hochrangigen Geistlichen und islamischen Top-Funktionären aus 33 Ländern teil. Der Tagesanzeiger titelte dazu: „Der höchste Muslim der Schweiz gibt Erdogan die Ehre.“ Im Artikel vom 1.4.17 wurde ausgeführt, dass der Einfluss des türkischen Präsidenten auf die hiesigen Muslime grösser ist, als deren Funktionäre zugeben. Wörtlich: „Gemäss Philippe Dätwyler, Experte für den interreligiösen Dialog der reformierten Kirche Zürich, sind viele Muslime in der Schweiz fasziniert vom türkischen Präsidenten. Viele sähen in ihm eine starke Führungsfigur. Am offensichtlichsten ist dies bei den rund 50 Diyanet-Moscheen der Schweiz mit ihren 36 von der Türkei bezahlten Imamen. Dätwyler geht davon aus, dass sogar die Mehrheit der 300 Moscheevereine in der Schweiz Sympathien für Erdogan und dessen Verfassungsreform hat.“

Die deutsch-türkische Rechtsanwältin Seyran Ates steht dagegen für einen offenen Islam ein und hat sich damit viele Feinde gemacht. Sie gründete im Juni dieses Jahres in Berlin eine liberale Moschee, die für alle zugänglich ist. Auch für Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen. Das ist momentan der wichtigste Grund, warum sie an Leib und Leben bedroht wird. Weil sie Frauen die Freiheit lassen will, auch ohne Kopftuch den Glauben zu praktizieren und Muslimin ohne Kopftuch sein zu dürfen. Nicht in Afghanistan. In Europa. Das genügt mittlerweilen auch im Westen, um sein Leben zu riskieren. Ich bin gespannt, ob es auch einmal in der Schweiz eine liberale Moschee geben wird. Nötig wäre es.