06.09.2017 / Artikel / Bildung und Forschung / Bildung, in puncto

in puncto… Ratings

Seit Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass Politik vermessen und mit Ratings beurteilt wird. Auch diesen Sommer erschien die Bewertung der „einflussreichsten Politikerinnen und Politiker“ in Bern.

Wie misst man Einfluss? Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Ich widme mich nur einem Teilaspekt des Ratings. Die Journalisten vergeben ihre Punkte unter andern Kriterien auch nach dem, in wie viel und in welchen Kommissionen ein Parlamentsmitglied sitzt. Was mich dabei stört: regelmässig erhält zum Beispiel ein Mitglied der Wirtschaftskommission mehr Punkte als ein Mitglied der Kommission für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Das halte ich für mindestens diskutabel. Warum soll für unser Land Wirtschaft so viel wichtiger als Bildung sein? Selbstverständlich ist beides enorm wichtig.

Auch Parlamentsmitglieder übernehmen stillschweigend diese Wertung. Wenn es darum geht, Kommissionssitze zu verteilen, wird die Wirtschaftskommission von weitaus mehr Fraktionsmitgliedern gewünscht als die Bildungskommission. Und ich treffe ab und zu Kolleginnen oder Kollegen im Parlament, die ihr Mandat in der Wirtschaftskommission stolz vor sich her tragen, wie eine Monstranz. Auch die Medien übernehmen diese Wertung unreflektiert: man spricht von der „einflussreichen“ Wirtschaftskommission. Ich habe so etwas noch nie über die Bildungskommission gelesen. Warum eigentlich?

Indem wir solche Klischees durch Ratings oder Medienbeurteilungen übernehmen, ohne sie zu hinterfragen, leisten wir meines Erachtens weder dem Parlament noch der Schweizer Politik einen Dienst. Bildung, Forschung und Innovation sind der einzige Rohstoff der Schweiz. In allen Sonntagsreden beschwören Politiker diesen Standortvorteil. Wenn es aber darum geht, sich dafür in einer Kommission zu engagieren, üben sie sich in vornehmer Zurückhaltung.

Den Politikern empfehle ich, sich nicht zu grämen, wenn sie in Ratings nicht zuvorderst figurieren, oder sich nichts darauf einzubilden, sofern sie es tun. Es gibt nichts Flüchtigeres als Journalistengunst. Den Journalisten empfehle ich, dass sie sich einmal von den Parlamentsmitgliedern so bewerten lassen, wie sie es mit uns tun. Dieses Rating wäre zwar genauso diskutabel, aber vielleicht würde es einen Reflexionsprozess der Medienvertreter bewirken. Den übrigen Leserinnen und Leser dieser Kolumne empfehle ich, bei der Aussage, jemand sei ein „einflussreicher“ Politiker, zukünftig etwas kritisch zu hinterfragen, wie man zu diesem Urteil gekommen ist. Wenn jemand eine wichtige Aufgabe hat, heisst das nicht nur in der Politik, sondern auch im Alltag nicht, dass er oder sie sich (zu) wichtig nehmen soll. Im Gegenteil.