03.08.2017 / Artikel / Die CVP / 1. August

Die Werte der Schweiz sind nicht nur für den 1. August!

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Wir stehen heute erneut in der faszinierenden Atmosphäre des 1. August! Wir erinnern uns alle daran: noch vor ein paar Jahrzehnten war es nicht so üblich – ausser vielleicht in der Zentralschweiz – Schweizer Fahnen überall zu sehen. Während des Jahres waren sie schön in der Schublade gefaltet, und am 1. August hat man sie mit Respekt und Mass kurz gezeigt, und dann sofort wieder versorgt.

Heute, ganz am Gegenteil, kann man zwischen Genf und Romanshorn, und von Basel nach Chiasso kaum auf der Kantonsstrasse fahren, ohne mindestens ein Dutzend Schweizer Fahnen pro Kilometer zu sehen. Vom 1 August nicht zu sprechen: heute ist die Fahnenlawine ja vorprogrammiert! Das ist schön und gut, aber: wie ist dieser Wandel zustande gekommen? Ist es bloss ein Einfluss der amerikanischen Spielfilme die wir täglich im Fernsehen konsumieren, wo keine Minute vorbei geht ohne dass eine Flagge auftritt? Oder werden wir von unseren Französischen oder gar deutschen Nachbarn beeinflusst?

Ist die Fahne einfach wieder Mode geworden, oder sind wir Schweizer tatsächlich patriotischer geworden? Jeder kann die Frage für sich beantworten. Persönlich glaube ich dass es gut ist, die eigene Flagge hoch zu tragen, stolz auf das Vaterland zu sein, unsere Identität und unser Zusammenhalt zu pflegen, insbesondere in Jahren der Globalisierung wo viele Werte und Wurzeln vergessen gehen. Aber bitte: nicht nur am 1. August, weil der Feuerwerk schön ist und die Grillwürste besonders schmackhaft sind!

Die grösste Herausforderung unserer wieder erfundenen „Swissness“ oder „Suissitude“ – kann man das mit „Schweizersein“ übersetzen?  – die Herausforderung besteht eben darin, sie nicht nur am 1. August wahrzunehmen. Schweiz zu sein, oder respektvoller Gast dieses Landes, ist eine Lebensart in sich, über das ganze Jahr, über ein ganzes Leben, als Privatperson und als Mitglied einer Gemeinschaft die mit den Nachbarn und den Arbeitskollegen anfängt, die sich von der politischen Gemeinde bis zum Kanton und zum Bund erstreckt.

Man kann dieses „Schweizersein“ nur zum Teil definieren. Natürlich kennen wir einige seiner Grundsätze: Ordnung und Einsatz zu Hause und am Arbeitsplatz, Pflichtbewusstsein und Ausgewogenheit im öffentlichen Leben, Selbstverantwortung und doch Solidarität in der Gesellschaft, Föderalismus und Freiheit als Basis der Nation, repräsentative und direkte Demokratie als Ausdruck des Volkswillens, Unabhängigkeit und Neutralität auf internationaler Ebene. Bereits diese Grundsätze zu kennen und Tag für Tag umzusetzen, ist ein grosser Wert in sich!

Aber es geht um mehr. Die Unabhängigkeit die wir so schätzen, und die unter ständig wachsenden Auflagen aus dem Ausland steht, basiert auf einem ganz besonderen Ausgleich zwischen lokale Verankerung, kantonale Identität, nationaler Zusammenhalt und internationale Verantwortung. Wir bezeichnen diese traditionelle mehrstufige Organisation der Gesellschaft als Subsidiarität. Aber die Welt hat sich geändert und wird sich weiterhin verändern! Nur wer sich der neuen Gegebenheiten anpasst hat Chancen sich zu behaupten. Und wir wollen uns doch behaupten! Dies gilt nicht nur für unsere Export- und Tourismuswirtschaft, stetig im internationalen Wettbewerb. Dies gilt auch für unsere Politik und für unsere Institutionen.

Wir sind und bleiben, zum Beispiel, überzeugte Föderalisten. Weil wir unsere Wurzeln lieben und unsere Identität hoch schätzen. Aber wir wissen dass wir den Bund in der heutigen schwierigen Zeiten unbedingt stärken müssen. Nicht weil wir plötzlich Zentralisten geworden sind, sondern weil wir die Herausforderungen aus dem Ausland spüren. Vor einigen Jahren gab es am 1. August in vielen Kantonen – insbesondere in meinem – mindestens so viele kantonale wie Schweizer Fahnen. Dass heute überall die Schweizer Fahne überwiegt heisst nicht, dass wir unsere Kantone weniger schätzen. Wir wissen es: das Vaterland ist heute nicht bloss eine staubige Erinnerung aus der Geschichte, sondern erneut ein modernes Instrument um unsere Wohlfahrt und unsere Sicherheit zu schützen. Anfangend müssen wir vielleicht etwas opfern, wie zum Beispiel ein Stück Steuerföderalismus, aber am Ende wird unsere Schweiz stärker für alle ihre Bürger da sein.       

Den Bund zu stärken heisst also nicht die Kantone zu schwächen. Sowie unsere traditionelle Achtung für die Minderheiten – unsere eigene Sprachminderheiten sowie viele neue Minderheiten die in unsere Gesellschaft auftauchen – gar nicht heisst, dass wir unsere Einigkeit aufgeben würden. Ganz im Gegenteil: die Schweiz ist geschlossener und stärker dann je, wenn sie alle ihre Komponente würdigt und integriert.

Das gilt auch für die Politik. Anders als in vielen anderen Ländern, pflegen wir bei uns nicht die Konfrontation zwischen einer Mehrheit und einer Minderheit, im Volk und im Parlament. Wir pflegen und fördern die Zusammenarbeit, die Konkordanz, die Kollegialität. Viele politische Kollegen aus anderen Ländern verstehen uns gar nicht, wenn wir versuchen dies zu erklären. Wie ist es überhaupt möglich, keine klaren Mehrheitsverhältnisse zu haben, wie kann man so ein Land regieren?
Und trotzdem: genau dieses Geheimnis mach einen guten Teil der Stärke der Schweiz im internationalen Wettbewerb. Nutzen wir also auch die Gelegenheit dieses 1. Augusts, um gewisse Versuche der politischen Polarisierung in der Schweiz eine Absage zu erteilen. Konkordanz, Kollegialität und konstruktive politische Zusammenarbeit sind und bleiben ein Grundsatz des Schweizerseins! Umso mehr, in Jahren als der Druck vom aussen stärker wird.

Ein weiterer Grundstein der Schweizer Willensnation ist unser Rechtsstaat. Den haben wir über Jahrhunderte aufgebaut, und im letzten Jahrhundert auch international verankert mit unserer Beteiligung an internationalen Institutionen und Ratifizierung von Konventionen und abkommen. Diese internationale Verankerung steht in keinem Widerspruch mit unserer Unabhängigkeit. Es kann – liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger – gar keinen Konflikt geben zwischen Schweizer Recht und fremde Richter, weil alle sind Bestandteil einer gleichen Rechtsordnung die alle Menschen schützt, egal wo sie leben, woher sie kommen oder wohin sie gehen. Eine Rechtsordnung die einem kleinen Land wie die Schweiz besonders hilft, sein gutes Recht auch nach aussen zu verteidigen und seine Bürger genau wie alle Bürger anderer Rechtsstaaten gegen jegliche Willkür zu schützen. Schliesslich kann es auch keinen Konflikt zwischen Rechtstaatlichkeit und Demokratie geben. Beide sind Mitteln um unsere Grundwerte umzusetzen. Wer heute versucht, sie gegeneinander auszuspielen erteilt der Schweiz wirklich einen Bärendienst. Erinnern wir uns an all diese Überlegungen, am heutigen schönen Feiertag! Das gemütliche Beisammensein, die gute Bratwürste und der schöne Feuer sind Symbole unserer Willensnation. Aber nützen wie diese magische Momente um unser Verständnis für die gemeinsamen Werte die unser Land geschaffen haben und immer noch prägen zu steigern.

„Augenblick, verweile doch, Du bist so schön“...   Möge der Geist dieses Abends uns das ganze Jahr begleiten, und unsere Schweiz weiterhin stärken.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit, danke Vitznau, es lebe die Schweiz viva la Svizzera!