05.07.2017 / Artikel / Umwelt und Energie / Informationstechnologie, Kommunikation, inpuncto, in puncto

in puncto… Antiproduktivität

Wenn die Tour de France und Wimbledon auf der Agenda stehen, beginnt für mich die Sommerzeit. Deshalb erlaube ich mir in der letzten Kolumne vor der Ferienpause ein eher unpolitisches Thema anzugehen. Ich war letzte Woche an einem Podium über die Herausforderungen der Digitalisierung. Vor meinem Auftritt hielt ein Experte ein faszinierendes Referat, unterstützt von tollen bewegten Bildern, Grafiken, Einspielern auf einer grossen Leinwand hinter ihm.

Ich hatte dabei die Möglichkeit, das Publikum zu beobachten. Viele "Teilnehmer" starrten auf ihren Laptop, in ihr iPhone, mailten, schrieben, arbeiteten. Kurz: hörten kaum hin. Die Folgen und Gadgets der Digitalisierung, über die man diskutierte, hielten die Teilnehmer davon ab, jemandem zuzuhören, der über Digitalisierung sprach, dem Thema des Kongresses, weswegen die Teilnehmer angeblich gekommen waren. Ein angeblicher Fortschritt der Technik, die Digitalisierung, führt zu einem Rückschritt andernorts, bei der Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit. Ein schönes Beispiel für Antiproduktivität.

In der NZZaS wies der Schweizer Schriftsteller, Philosoph und Unternehmer Rolf Dobelli kürzlich auf das Phänomen der Antiproduktivität und den Erfinder dieses Begriffs, Ivan Illich hin. Illich, ein Jude, der vor den Nazis floh, ein katholischer Priester, der sein Amt quittierte, ein kreativer Querdenker, der seinesgleichen suchte, wagte es, die Fortschrittsgläubigkeit der modernen Welt zu hinterfragen. Und dies in den 60-er und 70-er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Es ist nicht so, dass die Technik uns selbstverständlich weniger Arbeit und das Leben leichter macht. Manchmal haben wir wegen der technischen Entwicklung nicht weniger, sondern im Gegeneteil mehr Aufwand.

Eine Powerpoint-Präsentation ist heute so selbstverständlich, dass man viel weniger Arbeit, dafür mehr Aufmerksamkeit hat, wenn man darauf verzichtet. Wenn Sie heute einen neuen Fernseher kaufen, schaffen Sie dessen Inbetriebsetzung nur noch, wenn Sie ein Seminar in Informatik besucht haben. Sonst kostet Sie das hohe Stundenhonorare eines technischen Profis. Ich habe zwei Alfa Romeos, einen 30-jährigen Spider, eine neue Giulia. Der Spider hat – wenn überhaupt – nur lächerliche mechanische Herausforderungen, die jeder italienischer Garagist senza sforzo subito löst. Die Giulia ist erledigt, wenn die Informatik aussteigt. Ein Reset kostet Zeit, Arbeit und eine stärkere Glaubensfähigkeit in die höheren Mächte der Technik, als sie je ein mittelalterlicher Mönch in die Gnade seines Gottes aufwenden musste.

Es gebe noch manche Beispiele, welche die These, dass jeder technische Fortschritt auch ein Produktivitätsgewinn ist, erschüttern kann. Ist es wirklich sinnvoll, dass wir alle Nachrichten, Emails und jede Information direkt und zeitnah auf unseren Smartphones und iPads lesen können? Oder lenkt uns das nur ab, verhindert konzentriertes, fokussiertes und effizientes Arbeiten? Mailen Sie schon, oder arbeiten Sie noch?

Vielleicht nutzen Sie die Sommerferien, um sich selbst zu fragen, wo Ihnen die technologische Entwicklung hilft, das Leben zu erleichtern, und wo Sie ein schöneres Leben haben, wenn Sie bewusst auf angebliche Fortschritte verzichten. Schöne Ferien wünsche ich Ihnen in jedem Fall. Vielleicht mit folgender Lektüre: Martina Keller-Dietrich: Ivan Illich. Sein Leben, sein Denken. Weitra: Bibliothek der Provinz. 2007.