22.05.2017 Artikel Aussenpolitik Jordanien, Flüchtlinge, Migration, Asylsuchende

Nächstenliebe in Jordanien

Es gibt Leute, die es Camptourismus nennen, wenn die westliche Politik versucht sich ein Bild über die Zustände in den Flüchtlingscamps der aus Syrien vertriebenen Menschen zu machen. Und in der Tat war es mir nicht wohl, als ich Anfang Mai mit der Kommission für internationale Zusammenarbeit die Möglichkeit erhielt, das Flüchtlingscamp Azraq in Jordanien zu besuchen. Jedoch: Wie kann ein Parlament die richtigen Entscheide treffen, wenn es die Situation nur auf dem Papier kennt und die Schweiz nie verlässt? Dabei geht es nicht nur um konkrete humanitäre Hilfe, sondern auch um Nächstenliebe.

Fast unbeholfen stellte ich vor Ort meine Fragen und realisierte, wie wenig ich mich mit den verschiedenen Konflikten im Nahen Osten und der aktuellen dramatischen Flüchtlingssituation in Jordanien auskenne. Und doch bin ich eines von 246 Parlamentsmitgliedern, das im Rahmen der Botschaft über die Internationale Zusammenarbeit die Rahmenkredite für die Hilfe der Schweiz in derart schwierigen Kontexten sprechen muss. Deshalb ist es richtig, dass wir uns mit den verschiedensten Konflikten und Herausforderungen auseinandersetzen. Wie kann das Parlament die richtigen Entscheide treffen, wenn es die Situation lediglich aus einer 450-seitigen Botschaft kennt und die Schweiz nie verlässt?

Wasserprojekt der Schweiz bewirkt Grosses

Jordanien hat eine Bevölkerung von über 9,5 Millionen Menschen, wovon rund ein Drittel Flüchtlinge sind. Rund zwei Millionen sind Palästinenser und ihre Nachfahren, die im Jahr 1948 und nach dem Sechstagekrieg 1967 aus ihrer Heimat geflohen und heute mehr oder weniger integriert sind. Rund 650 000 Menschen sind aber aufgrund der Syrienkrise eingewandert und leben über das ganze Land verstreut in den Dörfern und den Städten Jordaniens. 18 Prozent der syrischen Flüchtlinge sind in Flüchtlingslagern untergebracht. Davon viele Frauen und Kinder – traumatisiert vom Krieg. Perspektiven haben die Syrer keine. Es fehlt an allem: Wohnraum, Bildung, Arbeit aber vor allem an sauberem Trinkwasser. Deshalb engagiert sich die Schweiz im Bereich Wasser. Mit Schweizer Know-How und Technologie hat sie für über zwei Millionen Franken ein Wasserversorgungssystem im Flüchtlingslager Azraq gebaut. Mit 440 Meter tiefen Bohrlöchern wird Wasser gewonnen und mittels einer Hauptleitung von 13 Kilometer Länge den verschiedenen Campdörfern mit 36‘000 Menschen zugeleitet. Ein Projekt, durch das jährlich rund eine Million Franken eingespart werden kann, weil das Wasser nicht mit Lastwagen in die Wüste transportiert werden muss. Die neue Wasserversorgung im Azraq Camp ist ein kleines Projekt der Schweiz, das aber so vielen Menschen zu einem menschenwürdigeren Leben verhilft. Ein Projekt, welches einem Land wie Jordanien unglaublich viel Hilfe bringt. Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt und gibt kaum genug Wasser für die eigene Bevölkerung her.

Würdigung des Engagements der Jordanier

Wenn man mit den Einheimischen spricht, dann hört man, wie schwer die Situation für sie ist. Aber was man nicht hört, sind Proteste. Eigentlich grenzt das fast an ein Wunder. Ein Wunder, das bei uns aber kaum Aufmerksamkeit findet. Dabei sollten wir dankbar sein für jene Länder, die sich derart für die Hilfe vor Ort einsetzen. Wie sähen die Migrationsströme Richtung Westen aus, wenn sich Länder wie Jordanien nicht derart engagieren würden? Die Schweiz tut gut daran mit humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit die Arbeit dieser Länder weiterhin tatkräftig zu unterstützen. Sei es durch Projekte der UNO-Organisationen und anderen internationalen Organisationen und NGO oder sei es durch bilaterale Projekte der Schweiz.

Ich habe bei meinem Besuch in Jordanien viel gelernt und bin dankbar, dass ich diese Reise machen durfte. Wer lernen will was Nächstenliebe bedeutet, schaue sich den Umgang mit Flüchtlingen in Jordanien an.