01.02.2017 Artikel Bildung & Forschung in puncto, Social Media, Argumentation, Parlement, politique

in puncto… Federer und Fokus

Am Tag des historischen Siegs in Melbourne war in der „Sonntagszeitung“ eine bemerkenswerte „Ode an Federer“ zu lesen. Der ehemalige Profi Mats Wilander (der auch schon mal voraussagte, Federer würde nie mehr einen Grand Slam Titel gewinnen) versuchte, das Phänomen dieses einzigartigen Tennisspielers zu erklären. Und er wagte eine weitere Prognose: Spieler wie Federer, Nadal, Connors, Mc Enroe (und selbstverständlich auch Wilander selbst…) werde es nicht mehr geben. Wegen der sozialen Medien.

Denn wer mit den sozialen Medien aufwachse, schrieb Wilander, „verliert die Fähigkeit, sich voll auf etwas zu fokussieren. Dabei ist dieser Aspekt so wichtig im Tennis. Heute sind auch die Spieler dauernd am Handy. Sogar während des Trainings schauen sie immer wieder auf ihre Geräte. Wie kann man erwarten, dass sie dann vier oder mehr Stunden auf dem Platz stehen und sich mit einem Tunnelblick auf ihre Partie konzentrieren können? Das Gehirn funktioniert nicht so.“

Hat Wilander dieses Mal Recht? Gilt das nur für den Tennissport? Verändern soziale Medien generell unsere Art zu denken und zu handeln, unsere Fähigkeiten zur Fokussierung und Konzentration? Auch in der Politik?

Manchmal habe ich tatsächlich den Eindruck, dass das Zuhören, das Argumentieren, die Debatte, der Inhalt, kurz: der Fokus auf das politische Kerngeschäft, unter dem Einfluss von sozialen Medien leidet. Im Parlament starren alle in ihre Labtops, oder twittern Fotos, Selfies und Zitate aus der Debatte, statt dass sie einander zuhören, miteinander debattieren, um die gute Lösung ringen. Selbst in den Kommissionssitzungen deklamieren immer mehr Parlamentarier einfach Parteiparolen. Sie lassen sich immer weniger auf eine gute Debatte ein, die etwas an der eigenen Meinung ändern und verbessern könnte. Abstimmungskämpfe können dadurch entschieden werden, dass man in den digitalen Räumen mit der grösseren Armee von Trollen mehr Lärm produziert. Das lauteste Argument gewinnt, weniger das richtige. Auch der neue amerikanische Präsident scheint sein Land nicht vom Oval Office, von seinem Kabinett aus, mit dem Kongress, sondern mit seinem persönlichen Twitter Account führen zu wollen.

Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt regte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts einen fernsehfreien Tag pro Woche an, um die zwischenmenschlichen Gespräche und sozialen Kontakte zu fördern. Erfolglos, richtigerweise. Das wäre eine unzulässige Bevormundung der Menschen durch die Politik.

Aber ist es denkbar, dass es aus ähnlichen Gründen, warum es weniger Tennisspieler vom Format eines Federer oder Nadal geben wird, auch weniger Politiker vom Format eines Schmidt geben könnte? Weil auch den Politikern die digitale Welt wichtiger wird als der Fokus auf ihr Kerngeschäft? Ich hoffe, die Prognose Wilanders, es werde keine überragenden Tennisspieler mehr geben, sei so falsch wie seine Voraussage, dass Federer keinen Grand Slam Titel mehr gewinnen werde.