12.12.2016 Artikel Gesundheit Gesundheitskosten, Krankenkassen, Medizin, Prämien

Unser Gesundheitswesen: Klare Diagnose aber kaum therapiefähig

Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) ist seit 1996 in Kraft und hatte drei Zielsetzungen: Stärkung der Solidarität, Ausbau des Leistungskataloges (Spitex und Pflegeheimaufenthalte waren vor dem KVG keine Pflichtleistung der Krankenkassen) und Kostendämpfung. Während die ersten beiden Zielsetzungen erfüllt sind und das KVG gerade deshalb bei der Bevölkerung beliebt ist, haben es Kostendämpfungsmassnahmen schwer.

Im ersten KVG-Jahr bezahlten die Krankenversicherer Leistungen von 10‘780 Millionen Franken, oder 1732 Franken pro versicherte Person. 2013 waren es knapp 28 Milliarden Franken, 3471 Franken pro versicherte Person. Das ist eine Verdoppelung der OKP-Kosten, während der LIPK lediglich um 11,6 Prozentpunkte angestiegen ist. Die Gründe für dieses enorme Kostenwachstum liegen im Wesentlichen in folgenden Ursachen:

Die politischen Gründe

Wir sind das einzige Land weltweit, das in einer obligatorischen Sozialversicherung allen Versicherten eine umfassende Wahlfreiheit garantiert und den Leistungserbringern Therapiefreiheit. Diese doppelte Freiheit ist per se kostentreibend. Zudem können Interessengruppen mit Referenden wichtige Entwicklungen verhindern. So wurde die Managed Care-Vorlage erfolgreich bekämpft und die Referendumsdrohung der Ärzte gegen das elektronische Patientendossier führte dazu, dass es für Ärzte freiwillig bleibt, selbst wenn die Patienten ein solches einfordern.

Die föderalen Strukturen führen zu einem Überangebot und zu vermeintlichem Mangel an Ärzten und Pflegeperson. Dabei haben wir im Vergleich zu europäischen Ländern eine der höchsten Ärztedichte und beim Pflegepersonal sind wir weit über den andern Ländern. Personalmangel existiert nur, weil die Anspruchsmentalität in unserem Gesundheitswesen sehr hoch ist und die Wahlmöglichkeiten schier unbeschränkt sind. Die Krankenkassen können selbst dann nicht eingreifen, wenn eine versicherte Person wegen des gleichen Leidens mehrere Ärzte aufsucht.

Medizintechnischer Fortschritt

Der medizintechnische Fortschritt ist rasant. Diagnose- und Therapiemöglichkeiten werden immer besser – mit entsprechenden Kostenfolgen. Im Bereich der seltenen Krankheiten wie Stoffwechselerkrankungen können jährliche Therapiekosten von über einer halben Million Franken anfallen. Herz-, Lungen- und Dünndarmtransplantationen kosten zwischen 150‘000 und 250‘000 Franken. Bei Krebs kann eine Lebensverlängerung um 35 Tage über 30‘000 Franken kosten.

Demographische Entwicklung

Wir haben das Glück bei guter Gesundheit länger zu leben. Damit verbunden ist aber auch das Risiko im hohen Alter polymorbid, an Demenz oder an Parkinson zu erkranken. Je älter desto höher werden die durchschnittlichen Gesundheitskosten.

Falsche Anreize und überhöhte Tarife

Es werden zu viele Leistungen erbracht, welche medizinisch nicht indiziert oder gar reine Verschwendung sind. Es werden nirgends so viele Knie operiert wie in der Schweiz. Für 500 Millionen Franken jährlich Medikamente werden in Apotheken entsorgt, welche Patienten nicht eingenommen haben, obwohl sie ärztlich verschrieben und von den Kassen bezahlt sind.

Innovationen führen nicht zu Preissenkungen

Im wirtschaftlichen und privaten Leben führen Innovationen in der Regel zu Effizienzgewinnen und Preissenkungen. Ganz anders im Gesundheitswesen: Innovationen sind da immer Kosten treibend. Effizienzgewinne durch technologischen Fortschritt führen nicht zu Preissenkungen, sondern zu Einkommensverbesserungen bei den betroffenen Spezialisten. Das ist vor allem im Bereich der Radiologie, Radiotherapie, Ophthalmologie, Gastroenterologie sowie der ambulante Chirurgie der Fall. Therapiegespräche der Ärzte – insbesondere in der Hausarztmedizin – sind hingegen unterbewertet. Es scheint den Tarifpartnern nicht zu gelingen, einen notwenigen Ausgleich zu schaffen. Bundesrat Berset wird eingreifen und den längst fälligen Ausgleich schaffen müssen, ohne die Prämienzahlenden mehr zu belasten.

Verzerrungen gibt es auch durch die unterschiedliche Finanzierung von ambulant und stationär. Viele Eingriffe werden aus rein finanziellen Überlegungen stationär durchgeführt, obwohl es medizinisch problemlos ambulant und damit kostengünstiger möglich wäre.

Kostenentwicklung bremsen

Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen sind nicht möglich. Es muss uns aber gelingen, die Kostenentwicklung zu bremsen. Dazu sehe ich folgende Systemoptimierungen:

  • Gleiche Finanzierung von ambulanten und stationären Behandlungen
  • Transparenz von Qualität und Kosteneffizienz als Basis für eine Lockerung des Vertragszwanges
  • Einführung elektronisches Patientendossier zur Vermeidung von Überversorgung und Mehrfachuntersuchungen
  • Bessere Steuerungsmöglichkeiten für die Krankenversicherer
  • Stärkung der Hausärzte und besserer Einbezug von Apotheken und Spitex/Pflege in die Grundversorgung
  • Mehr Selbstsorge/Eigenveranwortung durch Stärkung der Prävention und Mehrjahresverträgen bei Wahlfranchisen