14.11.2016 / Artikel / Umwelt und Energie / Atomausstiegsinitiative, Wasserkraft, Atomkraftwerke, Atomstrom, Energiestrategie 2050

Die Wasserkraft profitiert nicht vom überhasteten Atomausstieg

Bei Annahme der Ausstiegsinitiative müssen drei der fünf Kernkraftwerke bereits im nächsten Jahr abgeschaltet werden. Im Jahr 2029, wenn das letzte Kernkraftwerk vom Netz müsste, würden 40 Prozent der Schweizer Stromproduktion fehlen.

Bundesrat, Parlament, Kantone, bürgerliche Parteien, Wirtschaft und Gewerbe lehnen die Initiative ab. Mit eingeschlossen die in der Regierungskonferenz der Gebirgskantone zusammengefassten Wasserschlosskantone Wallis, Graubünden, Tessin, Uri, Glarus, Nidwalden und Obwalden. Sie wollen das ehrgeizige Projekt «Atomausstieg» bewältigen, setzen aber auf den sorgfältigen Fahrplan des Bundes gemäss der «Energiestrategie 2050» und der «Strategie Stromnetze 2025».

Vorteile für die Wasserkraft?

Vereinzelt hört man, dass die Wasserkraft vom unverzüglichen Ausstieg profitiere und die Wasserzinsen damit besser abgesichert seien. Diese Überlegungen sind falsch und greifen zu kurz. Warum?

Erstens: Die Initiative schadet den grossen Stromproduzenten finanziell massiv. Das hätte negative Auswirkungen auf die politische Diskussion über die Wasserzinsen in Bundesbern. Die grossen Stromproduzenten gehören nämlich den Kantonen im Mittelland. Eine Schwächung der Stromkonzerne ist somit auch eine Schwächung der Mittellandkantone. Je schlechter es den grossen Stromproduzenten geht, desto härter werden sie und die Vertreter der Mittellandkantone verhandeln müssen. Beides führt zu tiefen Wasserzinsen. Daran haben die Gebirgskantone und ihre Gemeinden kein Interesse.

Zweitens: Bereits heute leidet die Wasserkraft unter dem billigen und subventionierten Strom aus Deutschland. Gehandelt wird der Strom an der Europäischen Börse EEX. Den Preis bestimmen die grossen Produzenten in Deutschland und Frankreich. Die Schweiz hat fast keinen Einfluss. Die drei Kernkraftwerke in Beznau und Mühleberg, die gemäss Initiative bereits im nächsten Jahr vom Netz müssten, machen weniger als ein Prozent der Stromproduktion in unseren Nachbarländern aus und beeinflussen den europäischen Strompreis nicht. Über den Strompreis sind für die Wasserkraft also keine Gewinne zu erwarten.

Drittens: Das Potential der Wasserkraft ist weitgehend ausgeschöpft. Der Bau neuer Anlagen ist nur auf Kosten der Natur realisierbar. Das führt zu Interessenkonflikten. Wo soll man in den Gebirgskantonen noch Wasserkraft zubauen? Welche Täler sind zu opfern? Dieser Konflikt bricht auch bei der Realisation von Windkraft oder Sonnenenergie immer wieder auf. Wir erinnern uns an die harten Auseinandersetzungen um die Windpärke Surselva und Hinterrhein oder Wasserkraftprojekte in fast allen Regionen unseres Kantons.

Viertens: Aus den genannten Gründen wird die Wasserkraft von einem Ausstieg nicht profitieren. Der Ersatz der 40 Prozent Strom müsste daher über Importe erfolgen. Dieser stammt vielfach aus fossiler Produktion (Kohle und Gas). Die Stimmbevölkerung im Kanton Graubünden hat aber der eigenen Repower die Produktion von Kohlestrom verboten. Eine Annahme der Initiative wäre also nicht konsequent.

Erschienen in „Bündner Tagblatt" vom 3. November 2016