10.10.2016 Artikel Staatspolitik & Recht Islam, Wertedebatte, Religion, Sozialismus, Israelisierung, Judentum, Islamisierung, in puncto

in puncto… Israelisierung des Westens

Der Schriftsteller Leon de Winter beschreibt in seinem bemerkenswerten Essay „Die Israelisierung Europas“ (Das Magazin Nr. 39. 1.10.2016) die Herausforderung, die die westliche Welt durch den Islamismus erfährt. Kaum jemand ahnte in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, nach dem Sieg des freien Westens über den Sozialismus, dass wir heute wieder einen Konflikt zwischen Ideologien erleben. Der Anschlag auf das World Trade Center 9/11 2001 korrigierte diese Fehleinschätzung vom friedlichen „Ende der Geschichte“, wie es Francis Fukuyama 1992 behauptete.

Die islamistische Wut gegen den Westen ist gemäss de Winter darauf zurückzuführen, dass die islamische Welt nach dem Untergang des Osmanischen Reichs die eigene Identität an keinem staatlichen Gebilde festmachen konnte. Er diagnostiziert einen „irreversiblen Untergang“ einer ehemals grossen Kultur. Die Idee des Kalifats, der Einheit von Glauben und Staat, sei vor allem nachteilig für die islamische Welt selbst. Die Terroranschläge seien die letzten Zuckungen einer untergehenden auf Mythen fixierten Kultur der Voraufklärung, ein aberwitziger Versuch, der Bedeutungslosigkeit zu entrinnen.

De Winters Kinder leben in Tel Aviv, im „Auge des Sturms“, in einem Land, das umgeben ist von Staaten mit Regierungen, die teilweise und mit unterschiedlicher Intensität Israel nichts Gutes wünschen. Israel ist es gewohnt, mit dem Risiko des Terrors zu leben. Die Juden in Europa sind es gewohnt, dass ihre Synagogen, ihre Schulen, ihre Versammlungsräume, vor islamistischen Terroristen besonders stark geschützt werden müssen, weil Europa zu wenig konsequent gegen den islamistischen Terror vorgehen will. In Israel leben die Menschen „hinter den Zäunen und Kameras und Soldaten mit automatischen Waffen“. Das sei der Preis dafür, dass der Islamismus unfähig und unwillig sei, sich zu reformieren.

Wir leben nicht in Tel Aviv. Aber auch für die Schweiz stellt sich die Frage, welchen Preis sie zu bezahlen bereit ist, um sich gegen den Hass derjenigen zu verteidigen, die unsere Werte und unser Gesellschaftsmodell bekämpfen. Wie halten wir die potentiellen Attentäter von uns fern? Bis zum Fall der Mauer musste der Westen seine Werte gegen den Sozialismus verteidigen. Man bezahlte auch damals einen hohen Preis für die Freiheit: Das Wettrüsten, die Politik der gegenseitigen Abschreckung. Wie der Westen seine neuen Gegner bekämpfen will, welchen Preis er zu zahlen bereit ist für die Verteidigung seiner Freiheit und seiner Werte, ist unklar. Es könnte sein, dass der Westen aus den Erfahrungen Israels lernen muss. Der Westen müsste wieder beginnen, sich zu verteidigen, und könnte dabei gemäss De Winter „ein einziges grosses Israel“ werden. Ob das eine zutreffende Einschätzung ist, lasse ich offen. Ebenso, ob es wünschenswert ist. Aber die Verteidigung der Freiheit wird wieder einen höheren Preis haben, wie im Kalten Krieg. Die Frage ist, wie hoch er sein wird, und ob uns die Freiheit und unsere Werte so viel wert sein werden, wie sie es dem Staat Israel seit seiner Gründung wert waren und sind. Nur so konnte Israel überleben. Der Westen wird kaum günstiger davon kommen.