14.09.2016 Artikel Aussenpolitik in puncto, Kriegsgebiete, Internationale Zusammenarbeit, Journalismus

in puncto… Kolumbien

Auch Schweizer Medien widmen sich meistens den Schwierigkeiten, den Konflikten in unserer Welt intensiver als den Fortschritten, den positiven Ereignissen. Ein Beispiel für diesen selektiv negativen Journalismus – wenn ich die Berichterstattung richtig übersehe – ist die Meldung, dass nach fast vierjährigen Verhandlungen zwischen den revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) und der Regierung des Präsidenten Juan Manuel Santos am 26. September ein Friedensvertrag unterzeichnet werden soll.

Diese Information war in den meisten Schweizer Medien nur eine Randnotiz. Leider. Denn wenn wir genauer hinsehen, könnten wir erkennen, dass in Kolumbien etwas Historisches geschehen könnte. Am 2. Oktober soll in einem Referendum über die Bestätigung des Abkommens entschieden werden. Der Vertrag würde einen über 50 Jahre andauernden Konflikt mit über 260'000 Toten, 45'000 Vermissten und etwa 6,9 Millionen weiteren Vertriebenen beenden. Der Preis, den die Regierung zu bezahlen bereit ist, ist hoch: Die Rebellen, auch solche, die viele Todesopfer auf ihrem Konto haben, gehen mehr oder weniger straffrei aus. Das ist für viele Kolumbianer, die Kriegsopfer in ihren Familien haben, eine fast unerträgliche Zumutung. Ebenso werden Politiker desavouiert, die mit grossem Einsatz für den Rechtsstaat gegen die brutalen FARC Rebellen kämpften.

Der hohe Preis ist ein Problem. Letztendlich wäre es aber für Kolumbien wohl besser, man bezahlt ihn. Wer Frieden will, muss manchmal Konzessionen machen, die isoliert betrachtet ethisch grenzwertig sind. In Kolumbien zeigt sich beispielhaft das Dilemma zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik. Entweder entscheidet man sich für die realen positiven Ergebnisse, oder für die reine Lehre. Es steht uns nicht an, Kolumbien etwas zu raten. Das kolumbianische Volk selbst hat die Entscheidung zu treffen. Aber Kolumbien zeigt, welche grossen Hürden zu überwinden sind, wenn ein Konflikt, ein Krieg beendet werden soll. Es braucht enormen Mut und schwere Opfer. Man wünschte sich diesen Mut und die Bereitschaft zu grossen Opfern auch für Syrien, und für manche anderen Länder, in denen die Kriegsparteien weit davon entfernt sind, an Frieden auch nur zu denken. Aber vermutlich ist nur so Frieden nachhaltig machbar.