06.06.2016 Artikel Die CVP Bundeskanzler

„Der Bund kann einiges regeln, aber nicht alles“

Walter Thurnherr ist seit Anfang Jahr Bundeskanzler. Er will die Bundeskanzlei vor allem als Stabsstelle des Bundesrates einsetzen, sich aber auch für die Politischen Rechte und für die Mehrsprachigkeit der Schweiz engagieren. Gleichzeitig warnt er davor, in allen Dingen an den „Bund“ zu gelangen: „Der Bund ist nicht für alles zuständig – zum Glück“.

Walter Thurnherr, Sie sind gut 100 Tage im Amt als neuer Bundeskanzler. Was durften Sie bereits Spannendes erleben?

Sehr vieles. Insbesondere natürlich die Bundesratssitzungen „von innen“. Interessant sind auch die Auftritte im Ständerat und im Nationalrat, die Gespräche in der CVP-Fraktion, die Kontakte mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder neue Themen.

Sie wurden in der NZZ auch schon als „begehrtester Stabschef in Bern“ zitiert. Kommt man so unter Druck?

Nein, das setzt mich nicht unter Druck.

Viele Menschen wissen nicht, welche Arbeiten ein Bundeskanzler respektive die Bundeskanzlei verrichten. Können Sie das kurz zusammenfassen?

Der Bundeskanzler ist in erster Linie Stabschef des Bundesrates. Er ist zuständig für die Vorbereitung der gut 40 Bundesratssitzungen pro Jahr, er berät den Bundespräsidenten, stellt die Protokollierung, die Publikation, das Controlling und die Kommunikation sicher. Und das ist schneller gesagt als umgesetzt. Daneben erfüllt die Bundeskanzlei eine Vielzahl von weiteren wichtigen Aufgaben. Wir betreuen die Abstimmungserläuterungen - das sogenannte Abstimmungsbüchlein. Wir sind federführend im Bereich der Politischen Rechte. Zentral sind dabei die Begleitung und Kontrolle von Volksinitiativen und Referenden sowie die Vorbereitung der Nationalratswahlen. Darüber hinaus übersetzt die Bundeskanzlei rund 100‘000 Seiten pro Jahr in alle Landessprachen. Wir betreuen einzelne Informatikprojekte. Wir publizieren die Amtliche Sammlung des Bundesrechts und den Staatskalender.  Und schliesslich ist der Bundeskanzler auch Ansprechperson des Bundesrats und umgekehrt. Es ist eine sehr spannende und vielschichtige Aufgabe.

Sie sind ursprünglich Naturwissenschafter. Ein Naturwissenschafter als Bundeskanzler ist eine eher ungewöhnliche Kombination.

Das stimmt. „Gewöhnlich“ ist der Bundeskanzler eher Jurist als Physiker. Und juristische Kenntnisse sind tatsächlich ein Vorteil. Aber bis anhin habe ich mich ganz gut zurechtgefunden.

Ihr Twitter-Account enthält kaum Politisches, ist dafür ein Sammelsurium an Wissenschaftlichem Allerlei. Haben Sie für die Naturwissenschaft überhaupt noch Zeit?

Zurzeit tatsächlich etwas wenig. Aber für ein gutes Mathematikbuch zwischendurch finde ich schon noch Zeit.

Sie haben kürzlich gesagt, die Erwartungen an den „Bund“ hätten gewaltig zugenommen. Vor welchen Herausforderungen steht der Bund?

Es ist eine allgemeine Erfahrung. Normalerweise ist der „Bund“ nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, und das ist gut so. Aber sobald die wirtschaftlichen Herausforderungen grösser werden, sobald umfangreichere Sparpakete zu knüpfen sind oder wenn von dritter Seite Risiken sichtbar werden, wird der Bund „wiederentdeckt“. Die Erwartungen, Abhilfe zu schaffen, möglichst subito, richten sich dann schnell und gern an den Bundesrat oder an die Verwaltung. Der Bund kann auch einiges regeln und ändern. Aber er ist nicht für alles zuständig – zum Glück.

Man liest, die Mehrsprachigkeit in der Schweiz liege Ihnen besonders am Herzen und solle ein Schwerpunkt in Ihrer Amtszeit sein. Warum das?

Einfach weil wir ein mehrsprachiges Land sind! Es sollte doch für eine Bürgerin oder einen Bürger in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit sein, sich in seiner Muttersprache auszudrücken. Und wenn wir längerfristig miteinander zusammenleben wollen, bedeutet das, dass wir die anderen Sprachen zumindest verstehen müssen. Mich stimmt es auf jeden Fall nachdenklich, wenn sich in Bern Zürcher und Genfer zu einem Kongress einfinden und sich dabei einen Tag lang radebrechend auf Englisch durchwursteln.

Vom theoretischen Physiker zum Bundeskanzler

Theoretischer Physiker, Diplomat, Stabschef: Das sind nur einige der vielfältigen Aufgaben, die Walter Thurnherr wahrnahm, bevor ihn das Parlament Ende 2015 glanzvoll zum Bundeskanzler wählte.

1963 wurde Thurnherr in Muri im Kanton Aargau geboren. Er studierte theoretische Physik an der ETH Zürich. 1989 trat er in den diplomatischen Dienst ein. In den folgenden acht Jahren arbeitete er in Bern, Moskau und New York. 1997 ernannte ihn Flavio Cotti, der damalige Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), zu seinem persönlichen Mitarbeiter. 1999 wurde er stellvertretender Chef, 2000 Chef der Politischen Abteilung VI des EDA. 2002 übernahm Walter Thurnherr das Amt als Generalsekretär des EDA. Von 2003 bis 2010 übte er die gleiche Funktion aus im Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement (EVD), dem heutigen WBF. Von 2011 bis Ende 2015 war er Generalsekretär des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). Walter Thurnherr ist verheiratet und Vater zweier Kinder.