02.07.2010 Artikel Familie Jugend, Gewalt, Gesellschaft

Entfesselte Jugend

«Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte.» Dieses Sokrates zugeschriebene Zitat zeigt, dass die Sorge der Erwachsenen über die verwahrloste Jugend schon seit mindestens 2500 Jahren existiert.

Und wie sieht es heute aus? Laut Bundesamt für Statistik werden immer mehr Jugendliche kriminell, die Anzahl der verurteilten Minderjährigen steigt stetig. In den Medien überschlagen sich Meldungen von gewalttätigen Jugendlichen, sei es in der Schule oder im öffentlichen Raum.

Eine Sache der Wahrnehmung?

Die steigende Zahl von verurteilten Jugendlichen kann verschiedene Gründe haben. Es kann sein,  dass Jugendliche tatsächlich gewalttätiger sind; es ist aber auch möglich, dass unsere Gesellschaft sensibler auf Gewalt reagiert, dass die Medien sensationsgieriger  geworden sind und dass wir schneller zur Strafanzeige schreiten. W. Kassis, Co-Leiter eines interdisziplinären Forschungsprojektes zur Jugendgewalt an der Universität Basel (www.unibas.ch/violence) bestätigt, dass die Verurteilungen Jugendlicher zugenommen haben. Seiner Meinung nach ist dafür aber nicht das vermehrte Auftreten von Übergriffen verantwortlich, sondern eine veränderte Wahrnehmung der Gewalt. Diese Meinung sieht er darin bestätigt, dass ältere Lehrpersonen weniger Gewalttätigkeiten an Schulen feststellen als jüngere, deren Wahrnehmung für das Phänomen geschärft ist.

Weder Panikmache, noch Bagatellisierung

Wie auch immer: Panikmache wegen Jugendgewalt ist ebenso abzulehnen, wie deren Bagatellisierung. Was es braucht, ist ein pragmatisches Vorgehen mit gesundem Menschenverstand. Dabei ist so früh wie möglich anzusetzen. Das heisst, in einem Zeitpunkt, in dem gewalttätigen Übergriffen vorgebeugt werden kann. Sobald es zu einer Straftat kommt, muss rasch und konsequent reagiert werden. Schliesslich müssen Jugendlichen, die Gewalt ausgeübt haben, Wege zurück in die Gesellschaft aufgezeigt werden – und die Opfer von Gewalt dürfen nicht vergessen werden.

Gesamtstrategie

Dies führt mich zur Forderung einer 4- Säulenpolitik zur Jugendgewalt mit Prävention, Repression, Ausstiegshilfen und Schutzmassnahmen. Kinder- und Jugendpolitik ist als Querschnittspolitik aufzufassen. Die Massnahmen und gesetzlichen Grundlagen müssen einer Gesamtstrategie folgen. Mit einem neu zu schaffenden Rahmengesetz kann dies erreicht werden. Die Kompetenz dazu muss in der Bundesverfassung zwingend festgelegt werden.

Nur kleiner Teil der Jugend neigt zu Gewalttätigkeit

Abschliessend bleibt festzuhalten, dass die Jugendlichen, die Negativschlagzeilen verursachen, einen kleinen Teil unserer Jugend ausmachen. Der weitaus grössere Teil der Jugend stellt sich den Herausforderungen der heutigen Gesellschaft, übernimmt Verantwortung und beweist damit das Gegenteil des eingangs erwähnten Zitats, was im Hinblick auf die Zukunft unseres Landes beruhigend ist.