10.07.2009 Artikel Die CVP

«Begegnungen bringen Weltoffenheit»

An ihrer kürzlichen Delegiertenversammlung hat die Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung der Schweiz (KAB) einen neuen Präsidenten gewählt. Er heisst Otto Wertli und setzt auf die Dynamik der Integration und Vernetzung.

Otto Wertli, zuerst herzliche Gratulation zu Ihrer Wahl als neuer Präsident der KAB Schweiz. Wenn ich richtig im Bild bin, sind Sie noch nicht «ganz» pensioniert. 

Ich konnte mein neues Amt mit mehr Gelassenheit antreten, weil ich mich 10 Monate vor meinem AHV-Alter pensionieren liess.   

Welche anderen Engagements pflegen Sie? 

Ich bin auch noch Präsident des Verbandes AVUSA, der 64 aargauischen Behinderteninstitutionen zusammenschliesst. Ebenfalls präsidiere ich die «Stollenwerkstatt» für Arbeitslose in Aarau. Daneben walke ich, mache Gymnastik und lese auch gerne mal ein Buch.   

Sie sind verheiratet und haben drei erwachsene Kinder und eine Enkelin. Finden Sie genug Zeit für die Familie? 

Ich spürte und erlebte unsere Familie schon immer gut. Manchmal zwar zeitlich reduziert, dafür intensiv.   

Sie waren Handelslehrer an der Kantonsschule Aarau und an der Berufsschule Olten, Ausbildungsleiter bei der Migros Genossenschaft und bis 1989 stellvertretender Direktor «Personal und zentrale Dienste» bei Caritas Schweiz. Welche dieser Erfahrungen sind für Sie am prägendsten? 

Mich interessierte von Anfang an Psychologie und Pädagogik, und mich sprach ihre Kombination mit der Wirtschaft und dem Sozialen in der Kirche an. Prägend war sicher auch, dass ich die grosse Bewegung mit Asylsuchenden bei der Caritas erlebte.   

2006 haben Sie das Nachdiplomstudium «Mediation in Wirtschaft, Umwelt, Verwaltung» an der Fachhochschule Nordwestschweiz abgeschlossen. Was genau beinhaltet Mediation? 

Das Ziel ist, Konflikte so zu lösen, dass es am Schluss keine Partei gibt, die sich als Verliererin fühlen muss. Mediation lässt durch methodische Vermittlung aufarbeiten, was hinter dem vordergründigen Konflikt steht. Und sie verhilft zu einer Lösung, mit der alle gut leben können.   

Ist zu lange Nichts-sagen ein Grund für Konfliktentstehung?

Dass man denkt, mit der Zeit komme es von selber besser, ist schon typisch. Wichtig ist, die unterschiedlichen Sichtweisen und Standpunkte frühzeitig auf den Tisch zu bringen. Je stärker man einen Konflikt ungeklärt kochen lässt, desto grösser wird die Gefahr, dass man ihn nicht mehr friedlich beilegen kann.   

Sie traten Ende 2008 nach 18 Jahren als Sekretär der Landeskirche Aargau zurück. Wie viel Gesellschafts- und Zukunftspotenzial «geben Sie» heute – angesichts ihres gegenwärtigen Trends – der katholischen Kirche? 

Von ihrer Lehre, Tradition und ihren Werken her hat die Kirche nach wie vor viel Potenzial. Aber es gibt Vorkommnisse in der Weltkirche, die auch ich unglücklich finde. Für mich ist entscheidend, wie ich Kirche vor Ort (er)lebe. Hier sehe ich das Problem, dass es immer weniger charismatische Persönlichkeiten gibt, die sich in den Dienst einer begeisternden Verkündigung und Seelsorge stellen.   

Sie sind zusammen mit Ihrer Frau viel gereist, waren im Kosovo, engagierten sich in einem Entwicklungsprojekt in Kamerun, waren in Brasilien und in verschiedenen Ländern Europas. Hat dies Ihre Weltsicht verändert? 

Ich ging fast nie als Tourist, sondern hatte immer Kontaktleute vor Ort, die mir tiefere Einblicke ermöglichten. Je mehr Offenheit, ich einbringe, desto mehr bekomme ich auch. Die Grossherzigkeit und Freude der Menschen darüber, dass man sie besucht, hat mich immer tief beeindruckt. Ich finde es schade, dass viele Menschen bei uns dominiert sind durch Negativ-Ereignisse, die von kleinen Minderheiten ausgehen. Es sollte mehr so gute Begegnungen geben, wie ich sie erfahren habe, denn sie bringen Weltoffenheit. Ich finde es eindrücklich, wenn sich eine ganze Schulklasse solidarisiert, wenn etwas Rassistisches oder Fremdenpolizeiliches gegen ein Kind passiert, das sie kennt.   

Wie viel dieser Erfahrungen floss 1997 bis 2009 in Ihr Aargauer CVP/CSP-Grossratsmandat? 

Politisch habe ich mich sehr für die Integration, für entsprechende Bildungsreformen und für die Familien eingesetzt. Ich finde, auch die verschiedenen Religionsgemeinschaften müssten mehr aufeinander zugehen. Es würde mich freuen, wenn auch die KAB mehr Verbindungen zwischen Einheimischen und neuen Bevölkerungsgruppen aufbauen könnte. Integration sehe ich auch als Möglichkeit, zu neuen Mitgliedern zu kommen.   

Welche weiteren Akzente möchten Sie als KAB-Präsident setzen? 

Auch über neue originelle Projekte möchte ich Leute ansprechen. Und die KAB soll sich stärker vernetzen mit andern Verbänden, welche ähnliche Wurzeln oder Ziele haben. Ein Ansatz ist auch, die Sozialenzykliken wieder besser bekannt zu machen.   

Beinhaltet für Sie der Begriff «Sozialbewegung» ebenfalls Zukunftspotenzial? 

In der Dynamik für die soziale Frage zu stehen, dies finde ich zentral.   

Sehen Sie es als wichtig an, dass sich die KAB aus christlichem Verständnis heraus politisch einbringt und Gesellschaft mitgestaltet? 

Ja, ganz klar. Mir geht es dabei stark um die Bewusstseinsbildung, weniger um das Parolenfassen.                

Das Gespräch führte Theo Bühlmann


KAB Schweiz 

Die über 100jährige Geschichte der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) der Schweiz ist eng verbunden mit der «Sozialen Frage» und dem Kampf für mehr Gerechtigkeit. Die KAB will christliche Grundsätze in der Familie, in der Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik und Kirche verwirklichen helfen. Sie ist offen für Zeitfragen und engagiert sich für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.kab-schweiz.ch